2017 haben wir beschlossen, uns für die Umsetzung eines neuen Projektes auch einem anderen Land zuzuwenden: Bangladesch.

Auf 147 570 km² leben in Bangladesch rund 160 Mio. Menschen, die zu den ärmsten der Welt gerechnet werden (Pro-Kopf-Einkommen: etwa 1375 US Dollar/Jahr, Stand 2015). Mit über 1000 Menschen pro km2 ist es eines der am dichtesten besiedelten Länder der Erde.

 

Trinkwasserversorgung

Obwohl Bangladesch von den großen Strömen Ganges, Brahmaputra und Meghna durchflossen und von jährlichen Monsunregen überzogen wird, hat das Land ein massives Wasserproblem. Die Ursache ist allerdings nicht Wassermangel, sondern sie liegt in der Wasserqualität.

Die Infrastruktur für eine gesteuerte Trinkwasserversorgung in Form von Rohrleitungsnetzen, existiert nur in den großen Städten. Oberflächengewässer, über Jahrzehnte die einzige Trinkwasserressource für die ländliche Bevölkerung, sind in Bangladesch aufgrund ihrer starken Verunreinigungen und Keimbelastungen nicht ohne Behandlung zur Nutzung geeignet. In den 70er-Jahren unternahmen darum internationale Organisationen und die Regierung Bangladeschs enorme Anstrengungen, dieses Problem durch das Bohren von Grundwasserbrunnen in den Griff zu bekommen. Dank dieses Einsatzes entstanden im ganzen Land mehrere Millionen neuer Grundwasserbrunnen mit praktischen Handpumpen, über die seitdem auch die ländliche Bevölkerung Zugang zu vermeintlich sicheren Trinkwasserressourcen erhalten hat.

 

Vom Erfolg zur Tragödie

  • ArsenicContaminationBangladesh_BGS_DPHE_2000
1993 entdeckte ein indischer Arzt jedoch einen Zusammenhang zwischen den immer häufiger auftretenden Hauterkrankungen seiner Patienten und dem Trinkwasser, welches diese tranken. Das Krankheitsbild entsprach den typischen Symptomen einer Arsenvergiftung, welche tatsächlich durch hohe Konzentrationen anorganischen Arsens in ihrem Trinkwasser hervorgerufen wurden.
Wie man inzwischen weiß, ist Arsen ein natürlicher Bestandteil der oberen Gesteinsschichten in Bangladesch und wird vom Grundwasser aus diesen herausgelöst. Tragischerweise wird das arsenbelastete Trinkwasser auch aus eben jenen Brunnen hochgepumpt, welche noch wenige Jahre zuvor als großer humanitärer Erfolg in der Bekämpfung der Kindersterblichkeit gefeiert wurden.

Die Karte zeigt die Verbreitung des Arsens im Grundwasser (Quelle s. Bildbeschreibung).

 

Gefahr erkannt, doch nicht gebannt

Mangelnde Aufklärung, fehlender politischer Wille und die jährlich weiter schwindende Aufmerksamkeit auf Seiten der internationalen Gemeinschaft, haben daraus eine bis heute andauernde humanitäre Tragödie riesigen Ausmaßes werden lassen. Denn viele der kontaminierten Brunnen stellen bis heute die Trinkwasserversorgung für große Teile der ländlichen Bevölkerung Bangladeschs dar.

Ein fortgesetztes und umfassendes Monitoring aller Grundwasserbrunnen des Landes findet nicht statt. Die jüngste landesweite Trinkwasserstudie von 2013 stellt fest, dass 12,4 % aller Proben den landeseigenen Grenzwert von 50µg/l übersteigen. Das aktuelle Resultat entspricht somit nahezu den Ergebnissen der Analysen der großen Untersuchungskampagne von 2000 – 2006. Damals fand man in 14 % aller untersuchten Brunnen Arsenkonzentrationen oberhalb des Grenzwertes. Das zeigt, wie ein 2016 von Human Rights Watch (HRW) veröffentlichter Report offen bemängelt, dass zwischen 2000 und 2013 keine nennenswerten Fortschritte bei der Bekämpfung dieses Problems gemacht wurden.

Auf Grundlage der Untersuchungen gehen Experten in vorsichtigen Hochrechnungen auf alle Grundwasserbrunnen davon aus, dass etwa 20 Mio. Menschen stark bis sehr stark mit anorganischem Arsen belastetes Grundwasser trinken. Die World Health Organization (WHO) sieht in ihrem Bulletin von 2000 (Volume 78 (9): page 1093) sogar 35 - 77 Mio. Menschen in Bangladesch gefährdet.

 

Die Auswirkungen

  • Arsenic Poisoning
Die Folgen einer Arsenvergiftung zeigen sich gewöhnlich erst nach 5 - 20 Jahren. Den Schätzungen vieler Mediziner zufolge, sterben jährlich etwa 43.000 Menschen in Bangladesch an Krankheiten, die in Zusammenhang mit zu hohen Arsenbelastungen stehen. In der Mehrzahl sind das Krebserkrankungen, Tumoren der Haut, in der Leber, den Nieren, der Blase. Auch andere Lungen- und Herzerkrankungen sowie schwere Stoffwechselstörungen werden beobachtet. Bei Kindern kann eine chronische Arsenbelastung neurologische Schäden verursachen.

Das Foto zeigt Hautveränderungen, die durch eine fortgesetzte Aufnahme von Arsen hervorgerufen werden (Quelle s. Bildbeschreibung).

 

Welche Maßnahmen bringen Hilfe

Da tiefer liegende Grundwasserleiter in der Regel frei von hohen Arsenkonzentrationen sind, ruht große Hoffnung auf neuen Bohrungen zur Erschließung der tieferen Grundwasserleiter. Experten warnen allerdings vor einer ungesteuerten Nutzung dieser Brunnen, da die Verflechtungen der einzelnen Grundwasserschichten komplex sind und eine unkontrollierte Bewirtschaftung der Brunnen zur Kontamination der tieferen durch verschlepptes Wasser aus den belasteten Grundwasserleitern führen kann (s. Media, rechts).

Eine weitere technische Lösung stellen Filtersysteme dar, die eine zuverlässige und kostengünstige Reinigung des Brunnenwassers ermöglichen. Ihre flächenhafte Wirksamkeit wird hauptsächlich durch fehlende Aufklärung und dem damit verbundenen Mangel an Bewusstsein im Hinblick auf die gesundheitlichen Folgen einer Arsenvergiftung behindert. Selbst Menschen, die einen Arsenfilter haben, nutzen daneben noch regelmäßig ungefiltertes Wasser, da sie für die gesundheitlichen Folgen nicht ausreichend sensibilisiert sind und den vergleichsweise geringen Zeitaufwand für die Filterung als lästige Zusatzarbeit empfinden. Hilfe in Form von Aufklärung ist essenziell und viele lokale Nichtregierungsorganisationen (NGO) leisten auf diesem Gebiet wichtige Arbeit, denn öffentliche Aufklärungskampagnen von Seiten der Regierung, die ein Bewusstsein für das Arsen-Problem schaffen sollen, sind vor Jahren eingestellt worden.

 

Was muss getan werden

Neben der fehlenden Aufklärung, der schleppenden Verbreitung sofort wirksamer Maßnahmen (wie zum Beispiel der Filter), ist auch die mangelhafte Datenlage ein massives Hindernis für koordinierte Kampagnen. Hier muss ein System zur kontinuierlichen Messung an allen Grundwasserbrunnen etabliert werden, damit das volle Ausmaß richtig eingeschätzt und die Grundlagen für dauerhafte Lösungen geschaffen werden können. Nur so lassen sich die Konsequenzen aktueller Entscheidungen schnell erfassen, damit sich eine solche Tragödie nicht wiederholen kann.